Interview: Baumwipfelpfad Schwäbische Alb

Wird die Schwäbische Alb mit einem Baumwipfelpfad touristisch gekrönt werden? Zumindest rückt das UNESCO Biosphärenreservat in der öffentlichen Wahrnehmung näher an den Bayerischen Nationalpark heran, der seit 2009 seine Naturbesucher per Baumwipfelpfad in höhere Erlebnissphären hebt. (Fotos: Neuschönau, Nationalpark Bayerischer Wald)

Einen tolles Projekt, dass bei vielen Urlaubern ab 2014, so die Planung, den Fokus in Richtung Schwäbische Alb und UNESCO Biosphärenreservat rücken könnte. Doch mancher fürchtet, das die Begeisterung das ruhige Mittelgebirge schlicht weg erdrückt.

Sphäre befragte für den Artikel im Printmagazin (Ausgabe 1/2012) den

  1. Forstamtsleiter Martin Geisel, der im Landratsamt Göppingen das Projekt Baumwipfelpfad begleitet;
  2. Tübinger Regierungspräsident Hermann Strampfer;
  3. Dr. Markus Rösler, der mit seiner Doktorarbeit die Initialzündung für das Biosphärengebiet anregte, er ist im Landtag Baden-Württemberg Stellvertretender Vorsitzender im Finanz- und Wirtschaftsausschuss sowie Naturschutzpolitischer Sprecher für das „Bündnis 90 / DIE GRÜNEN“;
  4. Hans-Jürgen Stede, Erster Landesbeamter im Landkreis Reutlingen, der auch das Thema Tourismus federführend koordiniert;
  5. und Hofgutbesitzer Heinrich Rothfuß.

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Interview: Martin Geisel, Landratsamt Göppingen, Forstamtsleiter

Forstamtsleiter Martin Geisel betreut das Projekt Baumwipfelpfad und ist begeistert. Bei der Definition der Gebietskulisse Biosphärengebiet Schwäbische Alb blieb der Kreis Göppingen außen vor. Schade eigentlich, denn die Kreisgemeinde Wiesensteig, samt Filsursprung mit Filstal ragt wie eine Halbinsel in die Biosphärenflächen von Weilheim, Neidlingen, Schopfloch und Westerheim hinein. Nun – die Grenzen des Biosphärenreservats stehen fest und der Göppinger Teil der Alb bietet touristisch zuviel, um sich in den Schatten des Großschutzgebietes zu stellen. Also begann der Landkreis sein touristisches Profil zu schärfen, indem er vor drei Jahren einen Masterplan formulierte. „Landschaftspark Albtrauf heißt das ehrgeizige Projekt, das als Förderkulisse tolle Ideen unterstützen soll. Als Starter- oder Leuchturmprojekt habe sich eben jener Baumwipfelpfad herauskristallisiert, erinnert sich Geisel. „Neue Schilder, Radwege, Ausichtspunkte, Fotoshooting-Spots und eine Markthalle für regionale Produkte in Bad Dietzenbach sind ebenso in der Planung“, berichtet Geisel im Sphäre-Interview.


Sphäre: Der Baumwipfelpfad befindet sich direkt vor  den Toren des Biosphärengebietes. Treten Sie in Konkurrenz?

Geisel: Keinesfalls. Im Gegenteil, wir wollen mit dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb kooperieren. Mittelfristige Zielsetzung ist die Aufnahme in dieses Gebiet. Der Standort ist ausschließlich aus Sicht des Investors gewählt. Albbesucher interessieren sich kaum für verwaltungspolitische Grenzen. Sie nehmen die Alb als Ganzes wahr.

Sphäre: Laufen Sie nun mit dem geplanten Waldinformationszentrum dem Naturschutzzentrum Schoploch den Rang ab? Die letztes Jahr vom Landkreis Esslingen runderneurte Ausstellung liegt gerade mal fünf Kilometer entfernt.

Geisel: Das genau ist ja der Reiz. Wir können uns ergänzen. Das Naturschutzzentrum Schopfloch thematisiert Offenland und das Moor. Wir die Geheimnisse des Waldes. Die Umweltbildung steht im Vordergrund. Sie können sicher sein, dass dieses Projekt in Gestaltung und Ausrichtung nicht zum Rummelplatz abgleitet.

Sphäre: Wir danken für das Gespräch.


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Interview:

  • Regierungspräsident Hermann Strampfer
  • Dr. Markus Rösler (Landtag)
  • Hans-Jürgen Stede, Landratsamt Reutlingen

Die Biosphärenportale sollen Besucher mit attraktiven Angeboten hinauf auf die Schwäbische Alb locken. Diese Angebote sind hierarchisch vernetzt mit dem Alten Lager als Zentrum des Biosphärengebietes Schwäbische Alb.

Nun entsteht mit dem Baumwipfelpfad oberhalb von Wiesensteig ein weiterer Publikumsmagnet (400.000 Besucher werden erwartet) – allerdings vor den Toren des Biosphärengebietes. Das Regierungspräsidium Tübingen trieb mit dem Landkreis Reutlingen seit 2006 die Entwicklung des Biosphärengebietes federführend voran.


Sphäre: Welche Chancen ergeben sich für das Biosphärengebiet?

Strampfer: Ich sehe Chancen für beide Seiten, für das Biosphärengebiet und für den Baumwipfelpfad. Durch diese zusätzliche Attraktion können wir noch mehr Menschen erreichen und für das erste baden-württembergische Biosphärengebiet begeistern. Umgekehrt kann der Baumwipfelpfad vom Biosphärengebiet und dessen touristischen Highlights profitieren.

Rösler: Beste Werbe- und Informationsmöglichkeiten für das Biosphärengebiet bietet dieser Standort und Synergieeffekte durch Vernetzen unterschiedlicher Attraktion im Bereich Umweltbildung. Nicht ohne Grund ist der Chef des Europaparks in Rust Befürworter des geplanten Nationalparks, obwohl die Flächen zig Kilometer Entfernung liegen. Tourismus muss regional betrachtet werden.

Stede: Der Baumwipfelpfad hat zweifelsohne das Zeug, zu einem Besuchermagnet zu werden – und das in unmittelbarer Nähe zum Biosphärengebiet. Da steckt natürlich eine große Chance auch für das Biosphärengebiet drin, da können gemeinsam hochattraktive Erlebnispakete geschnürt werden.

Sphäre: Wird diese zweifellos herrausragende Attraktion in die touristische Vermarktung der Biosphärengebietskulisse eingebunden werden?

Strampfer: Es sollte unser gemeinsames Bestreben sein, neue Perspektiven für die touristische Entwicklung aufzuzeigen. Eine Kooperation zwischen starken Partnern kann eine Bereicherung sein und beide Teile voranbringen. Und da sehe ich gute Anknüpfungspunkte für eine künftige Zusammenarbeit.
Rösler: Im Grundsatz sicherlich. Das liegt stark an den Betreibern des Baumwipfelpfades und an ihrem Interesse an Kooperation und Vernetzung. Es gibt zahlreiche touristische Attraktionen, die wenige oder einige Kilometer außerhalb des Biosphärengebiets liegen – die Frage ist, ob die Betreiber sich selbst als Bestandteil einer Portalfunktion für das Biosphärengebiets verstehen und entsprechend damit werben.
Stede: Wir wuchern offensiv mit unseren touristischen Pfunden. Deshalb wird der Baumwipfelpfad gewiss auch in der touristischen Vermarktung unseres Biosphärengebiets eine Rolle spielen – so wie das selbstverständlich auch beim Schwäbische Alb Tourismus der Fall sein wird. Die wechselseitige Bewerbung bringt da eine tolle win-win-Situation. Sinnvoll ist sicher auch eine enge Abstimmung und Kooperation zwischen Baumwipfelpfad und dem Netzwerk der Biosphärengebiets-Infozentren: Da können weitreichende Synergien erschlossen werden.

Sphäre: Teilen Sie formulierten Befürchtungen, dass sich der gefühlte Mittelpunkt des Biosphärengebietes Richtung Albrand verschieben könnte hin zur Doppelspitze des augenfällig aufgewerteten Naturschutzzentrum Schopfloch und dem geplanten Waldinformationszentrum nebst Baumwipfelpfad?

Strampfer: Nein, wir sollten uns da nicht irritieren lassen. Das Biosphärengebiet ist über 85.000 Hektar groß und wird von den Menschen geprägt, die dort leben und arbeiten. Den gefühlten Mittelpunkt sollten wir deshalb an jeder Stelle, quasi auf Schritt und Tritt spüren. Das macht doch unsere Stärke aus.

Rösler: Nein. Es gibt auch andere Attraktionen in anderen Teilen und an anderen Grenzbereichen des BG und es wird sicherlich noch weitere geben.

Stede: Unser Biosphärengebiet hat erfreulich viele Besuchermagnete: Denken Sie an Bad Urach mit seinen rund 500.000 Tagesgästen pro Jahr oder an das Haupt- und Landgestüt Marbach mit über 300.000 Besuchern pro Jahr, denken Sie an das Lautertal, den Truppenübungsplatz oder Schloss Lichtenstein, denken Sie an unsere wunderbaren Höhlen, die Jahr für Jahr von mehreren hunderttausend Menschen besucht werden. Nicht zu vergessen: Metzingen mit seinen über drei Millionen Besuchern pro Jahr – ein riesiges Potenzial, das wir noch viel stärker für unser Biosphärengebiet erschließen wollen. Angesichts einer solch attraktiven Vielfalt von Besuchermagneten ist kein Platz für kleinkarierte Eifersüchteleien. Nur gemeinsam sind wir stark!

Sphäre: In wie weit waren Akteure des Biosphärengebietes bei der Auswahl des Standortes eingebunden?

Rösler: Da müssen Sie die Akteure des Biosphärengebiets fragen.

Strampfer: Das Biosphärenteam Tübingen war nicht eingebunden.

Stede: Der Landkreis Reutlingen war bei der Auswahl des Standorts für den Baumwipfelpfad in Wiesensteig nicht beteiligt.

Sphäre: Wir danken für das Gespräch.


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Interview: Hofgutbesitzer Heinrich Rothfuß

Er liebt seine Heimat. Hofgut-Besitzer Heinrich Rothfuß hat seine persönliche Idylle hier an der Albkante bewahrt. Seine Kühe und Schweine hält der engagierte Landwirt auf Stroh. Neben seiner Gartenwirtschaft scharren freilaufende Hühner. In der Gaststätte seiner Schwester treffen sich echte Albgänger, die für wenige Stunden den Trubel in den Städten und im Tal hinter sich lassen wollen. Doch nun soll von seinem Hof 500 Metern entfernt ein Baumwipfelpfad entstehen. Der Investor rechnet mit 400.000 Besuchern jährlich. Eigentlich müsste sich Rothfuß freuen, da fällt bestimmt auch was für den Hofladen, die Gartenwirschaft und das Gasthaus ab. Doch Rothfuß sorgt sich um seine Idylle, um die Stille der Natur: „Der Baumwipfelpfad passt nicht in die Gegend“, bekannte er im Interview.


Sphäre: Der Baumwipfelpfad soll in unmittelbare Nähe zu Ihrem Betrieb errichtet werden. Da könnten Sie doch von dieser touristischen Anziehungskraft profitieren?

Rothfuß: Nein – das eine passt nicht zum anderen. Bis jetzt habe ich Kundschaft mit Verständnis für die Schwäbische Alb, da kann man sich hervorragend über Naturschutzthemen unterhalten. Das was jetzt kommen soll, hat Event-Charakter.

An schönen Wochenenden werden sich hier  bis zu 6000 Besucher tummeln – Bustouristen – die sind ohnehin ein schwieriges Klientel, die nur nach Highlights suchen, aber sonst nichts mit der Region zu tun haben. Ich fürchte, dass dieser Rummel meine symphatische Stammkundschaft vertreibt. Außerdem – wie soll ich meine Landwirtschaft ordentlich betreiben, wenn hier meine Felder zugeparkt werden.

Sphäre: Der Parkplatz an der Ruine Reußenstein wird aber vergrößert werden.

Rothfuß: Schon heute habe ich am Wochenende nicht selten Probleme, auf meine Felder zu kommen. Wild geparkte Autos und Spaziergänger erschweren die Arbeit. Ich beklage mich nicht, die Alb gehört uns allen und die Städter suchen hier ihre Erholung. Doch die Dimensionen dieses Wipfelpfades kann ich nicht einschätzen. Bedenken Sie: Mit 400.000 Besucher jährlich wird kalkuliert, der Publikumsmagnet ehemaliger Truppenübungsplatz im Biosphärengebiet zählt gerade mal 20.000 Gäste auf einem wesentlich weitläufigerem Areal.

Sphäre: Am Baumwipfelpfad möchte der Forst Baden-Württemberg eine Infozentrale errichten. Meinen Sie nicht, dass moderne Umweltbildung zum Stil Ihres historischen Betriebes passt?

Rothfuß: Mein Hof ist eine ehemalige Hofkammer-Domäne, ein seltenes historisches Ensemble, dass mein Vater 1957 von Herzog Karl-Eugen kaufte. Ich besitze und pflege nun drei denkmalgeschützte Gebäude – das älteste ist nun bald 200 Jahre alt. Meine Schweine und Kühe halte ich auf Stroh – ich hätte mir auch 2000 Sauen in den Stall stellen können. Aber das wäre nicht nachhaltig. Mein Betrieb ist eine Art gläserne Produktion, die Menschen erleben dürfen. Meine Liebe zum Detail passt nicht zum Geschäftssinn eines fernen Investors, der die Alb nur vom Hören und Sagen kennt.

Sphäre: Wir danken für das Gespräch.


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Foto: Baumwipfelpfad Neuschönau (Die Erlebnis Akademie AG); Hofgut Reußenstein (H. Rothfuß)

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