Karte Eningen Achalm

Ortsportrait: Eningen Achalm

Unterm Kegelberg Achalm (Fotostandort) verneigt sich die Gemeinde Eningen tief vor der monumentalen Albwand (im Hintergrund). Eningen gibt sich mit seinen Hochhäusern ein wenig städtisch. Im Grunde seines Kerns aber pocht zwischen den verwinkelten Gässchen rund ums Rathaus das historische Herz. Hier pulsierte einst das Handelsleben. Warum dieser Flecken damals als das einwohnerstärkste Dorf galt, will diese Geschichte klären.

Es gab einmal eine Zeit, da kam man nicht in einem Tag vom Albvorland bis ins Elsass, in die Schweiz oder nach Österreich. Auch hatte man keinen PKW mit Kofferraum, um seine Lasten darin zu transportieren, und die Straßen, auf denen man sich bewegte, waren unbequem, schlammig und voller Gefahren.

Der Reisende, der zu arm war, um sich Pferd und Wagen leisten zu können, musste sich wohl oder übel auf Schusters Rappen fortbewegen, verbrachte nicht selten die Nächte in Schuppen, Ställen oder Scheunen, und so gut wie nie war er zum reinen Zeitvertreib oder aus purer Lust am Reisen unterwegs. Immerhin aber gab es am Weges­rand allüberall steinerne Bänke, sogenannte Grubbänke, auf denen der Wanderer seine Lasten abstellen und sich von den Strapazen seiner Fußreise erholen – zu schwäbisch „gruaba“ – konnte, ehe es weiterging, immer weiter vorwärts, südwärts, westwärts oder nordwärts, manchmal Wochen, manchmal Monate, manchmal ein Vierteljahr lang, manchmal auch noch länger.

Eningen unter Achalm, am Fuße der Schwäbischen Alb, „des Königs schönstes und volksreichstes Dorf“ (so König Wilhelm von Württemberg bei seinem Besuch dort) ist eine Gemeinde, wo man von jenen Zeiten ein Lied singen kann. Denn kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg – die Schrecken des Schwarzen Todes steckten ihnen sicher noch in allen Knochen – ließen die Eninger ein Gewerbe erblühen, das später in die Geschichte einging und im Ursprung eigentlich doch nur aus der Not geboren war: Die Familienoberhäupter der armen Landbevölkerung machten sich, weil die kargen Böden unterhalb des Albtraufs nicht genug hergaben, um ihre Küchlein zu ernähren, mit geschulterten Waren und Wanderstock auf die Walz, um Hausierhandel zu betreiben. Zunächst waren es Psalmblätter und Kalender, in einer Reutlinger Druckerei entstanden und in Eninger Kellern als Raubdrucke vervielfältigt, die auf dem Rücken der Händler ihren Weg in die Vogesen, die Alpen, an die belgische und holländische Grenze oder gar nach Weißrussland nahmen, später kamen Bücher, Stoffe, Spitzen und Klöppelwerkzeuge hinzu. Im Gegenzug brachten die Krämer dann allerhand Waren mit, die sie unterwegs eingetauscht hatten und in Eningen wieder zu vertreiben gedachten, wie beispielsweise die begehrten Hornknöpfe aus dem Bärental.

Den weiten Weg bis zu ihren Handelsumschlagplätzen – davon erzählt das Eninger Heimatmuseum in ausführlicher Weise – legten die Krämer zu Fuß zurück, ihre Lasten trugen sie in hölzernen Kästen, den Krätzen, auf dem Rücken mit sich, und nicht selten waren sie bis zu einem Vierteljahr unterwegs, ehe sie ihren Zielort erreichten. Zweimal im Jahr aber, zu Jakobi im Juli und zwischen den Jahren, hatte der Eninger Krämer zu Hause zu sein. Denn im Juli fand in der Gaststätte Traube-Post der sogenannte Eninger Kongress statt, bei dem die mitgebrachten Waren verkauft wurden, teils an Reutlinger Fabrikanten, teils an von weit her angereiste Händler, die dann auch in Eningen logierten, so dass der Ort über Nacht von etwa 5000 Einwohnern auf etwa 15000 Personen anschwoll. Anschließend, so berichtet Ewald Schlotterbeck, Museumsleiter des Eninger Heimatmuseums, hätten die Eninger aus lauter Übermut und Freude über die gelungenen geschäftlichen Transaktionen zunächst das Geschirr der Gastwirtschaft zerschlagen und seien danach weitergezogen nach Reutlingen, um dort weiterzufeiern.

Von Eningens „wilden Zeiten“ nimmt der heutige, mit Karosserieblech geharnischte, von Reutlingen her kommende und Eningen mit Zielrichtung Sankt Johanner Alb zügig durcheilende Naherholungstourist freilich nur wenig wahr. Lässt er im Vorbeifahren am Scharfen Eck den Blick in malerisch anmutende Sträßchen und Gässchen links der Durchgangsstraße schweifen, so präsentiert Eningen sich auf den ersten Blick eher malerisch-idyllisch und lässt eins ums andere Mal den Vorsatz aufkommen, man müsste hier einmal aussteigen, um den Ortskern aus nächster Nähe ins Visier zu nehmen. Wer es tut und zudem noch mit dem notwendigen Blick für Details ausgestattet ist, kann dort in der Tat auch schon allerhand Sehenswertes entdecken. So wie die halbrunden alten Türen in den Hausmauern, die auf dahinterliegende Gewölbekeller deuten oder die vielerlei neckisch verschnörkelten Dächer, die in der Leinsbachstraße die Haustüren vor Witterungseinflüssen schützen sollen, die zahlreich erhalten gebliebenen Holzfensterläden an den Häusern oder ungewöhnliche Wirtshausschilder wie jenes der Gaststätte Dreikönig in der Hauptstraße – einer von sage und schreibe 98 Wirtschaften, die die Ortschaft infolge des Eninger Kongresses einst besaß. Bachgasse, Brunnengasse, Burgstraße und Kirschengärtlesweg sowie die malerische Hinterhoflandschaft des Eninger Ortskerns warten im Grunde nur darauf, den interessierten Besucher einzusaugen und in ihrem verwinkelten Innern das Staunen wieder zu lehren, und unweigerlich stößt er nach solch einem Streifzug dann auch auf den Calner Platz, eine winzige aber sehenswerte Grünanlage mit angeschlossenem Kunst- und Sinnespfad sowie der vom Eninger Künstler Frieder Palmer geschaffenen Nordstern-Stele.

Solcherart inspiriert und auf den Geschmack gekommen, könnte sich der Besucher nun durchaus anschicken, über Eningen mehr wissen zu wollen und den Ort regelrecht touristisch zu erkunden, gerade als sei er hier im Urlaub und zum ersten Mal da. Es seien ihm dann neben dem vom rührigen Eninger Heimat- und Geschichtsverein betriebenen Heimatmuseum auch Eningens Rundwanderweg empfohlen, von dem aus sich bei gutem Wetter das Alpenpanorama erblicken lässt, der Streuobstgürtel, der die Ortschaft umgibt und in der wärmeren Jahreszeit auch während einer Führung unter Leitung von Erika Schlotterbeck erkundet werden kann, das Paul-Jauch-Museum, das den Nachlass des 1957 verstorbenen Eninger Zeichners beherbergt und ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm anzubieten hat oder der Krüger-Park mit Stelen der Künstlerin Marl Schäfer. Sucht er mehr das Abenteuer, so sei ihm verraten, dass Eningen – ja, Sie lesen richtig – 13 Tropfsteinhöhlen zwischen drei und 25 Metern Länge besitzt, die gerade dabei sind, sich für die Öffentlichkeit erschließen zu lassen. Und bei seinen Nachtwächterführungen, die seit einiger Zeit an Samstagabenden in der dunklen Jahreszeit hier stattfinden und bei denen es auch unheimliche Begegnungen und gruselige Überraschungen geben soll, lässt Museumsleiter Ewald Schlotterbeck – selbstverständlich gewandet und mit Laterne – die alten Zeiten noch einmal aufleben.

Gut, zugegeben, die aufregenden Zeiten, da man von Eningen aus zu Fuß in die Welt hinauszog, die mögen doch wohl eher vorbei sein, aber Hand aufs Herz: Ist sie für Sie wirklich so verlockend, diese Vorstellung, die Alb und den Schwarzwald mit einem hölzernen Kasten auf dem Rücken zu überqueren, fünfzehn und mehr Kilogramm Last inbegriffen, ohne zu wissen, wann Sie zurückkehren werden und ob überhaupt?

Man weiß es nicht, nein, man weiß es wirklich nicht.

Text von Petra Zwerenz

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PDF-Download: Ortsportrait Eningen

 

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